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Der Tweetwalk zu jüdischem Leben

Am Anfang ein Museum und am Ende eines. Dazwischen? Orte. Unauffällig. Man passiert sie unter Umständen täglich, ohne dass man sich deren Vergangenheit bewusst ist. Um was es hier geht? Um Vertreibung, Umnutzung und verlorene Orte. Mit diesen Themen hat sich die Fotografin Johanna Diehl beschäftigt. Sie hat in der Ukraine nach ehemaligen jüdischen Synagogen gesucht und hat Sporthallen, Geschäfte oder verwaiste Gebäude gefunden. Ihre Bilder stellt sie gerade unter dem Titel Ukraine Series in der Pinakothek der Moderne aus.

Spurenleser - Tweetwalk zu jüdischem Leben in München

Ausstellung “Ukraine Series” in der Pinakothek der Moderne | Foto: Monika Schreiner

Die Pinakothek der Moderne  hat dies zum Anlass genommen, einen Tweetwalk  mit Bloggern und Journalisten zu organisieren. Zusammen mit der Kuratorin Caroline Fuchs schauen wir uns nicht nur die Fotos an, sondern gehen durch die Münchner Innenstadt, um dort wie Johanna Diehl nach Spuren jüdischen Lebens zu suchen. Und auch wir stossen auf Gebäude und Orte, die entweder nicht mehr existieren oder anders genutzt werden. Insgesamt besuchen wir fünf ehemalige Synagogenstandorte, jedoch nicht in der chronologisch richtigen Reihenfolge. Unsere Route könnt Ihr bei Googlemaps nachsehen.

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Gedenkstein an der Herzog-Max-Strasse | Foto: Monika Schreiner

Unsere erste Station ist das Denkmal in der Herzog-Max-Straße zwischen dem Künstlerhaus und dem Karstadt. Hier stand ab 1887 die alte Hauptsynagoge, die 1938 vom nationalsozialistischen Regime zerstört wurde. Es war die drittgrößte Synagoge Deutschlands. Wie sie sich in das Stadtbild eingliederte, sieht man ganz gut auf dem Cover des Buches “Jüdisches München”, das im C.H. Beck Verlag erschienen ist.

Danach besuchten wir den Marienhof. Schwer vorzustellen, dass auf der leeren Rasenfläche hinter dem heutigen Rathaus einmal Münchens erste Synagoge stand.  Sie wurde 1380/1381 erbaut. Aufgrund mehrere Progrome gegen die Juden, wurde das Haus 1442 in der ehemaligen Judengasse (heutige Gruftgasse) verschenkt und zum Wohnhaus mit Marienkapelle im Keller umgebaut. Generell sind ab dem 13. Jahrhunder erste jüdische Ansiedlungen in München dokumentiert.

Station Nummer Drei: die Ohel Jakob Synagoge in der Herzog-Rudolf-Straße. Das Wort Ohel bedeutet Zelt. Es ist ein schöner Gedanke, dass sich Gleichgesinnte in der beruhigenden Atmosphäre eines Zeltdaches versammeln, um zu beten und zu singen. Bis 1938 befand sich die Synagoge hier, die den gleichen Namen trägt wie das neue jüdische Zentrum am Jakobsplatz. Oben am Haus ist eine Gedenkplatte angebracht.

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Die Kuratorin Caroline Fuchs vor der Ohel Jakob Synagoge in der Herzog-Rudolf-Straße | Foto: Monika Schreiner

Gänzlich aus dem Stadtbild verschwunden ist die Metivier Synagoge in der Westenriederstrasse 10. An deren Stelle nur eine Tiefgarageneinfahrt. Nirgends ist ein Hinweis angebracht, der den Ort ausweist. Dies hängt damit zusammen, dass die jüdische Bevölkerung dihn von sich aus zu Gunsten der damals neuen Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Strasse aufgegeben hat. Dass bei ihrer Eröffnung 1815 auch König Ludwig I. zu gegen war, zeugt von wachsender Akzeptanz der jüdischen Gemeinde.

Einige Strassen weiter: die Ostjüdische Synagoge. Sie entspricht so gar nicht dem klassischen Bild eines jüdischen Gotteshauses. Da das aus den dreissiger Jahren erbaute Gemeindehaus im zweiten Weltkrieg beschädigt wurde, wurde es danach wieder aufgerichtet. Es ist ein kubistischer Bau mit verspiegelten Fenstern. Als ich im Anschluss Bilder im Internet sehe, wird mir bewusst, dass die eigentliche Synagoge im Hinterhaus liegt und sehr schön restaurierte Räume besitzt. Sechzig Jahre lang, bis zur Eröffnung der neuen Synagoge 2007 am Jakobsplatz, war sie der Mittelpunkt jüdischen Lebens in München.

Der letzte Stopp auf unserer Tour ist der Jakobsplatz mit dem jüdischen Museum und seiner Synagoge. Die Synagoge kann man nur nach Voranmeldung besuchen, deshalb betrachten wir sie durch die Scheiben des Museums. Hier übernimmt die Kuratorin Ulrike Heikaus unsere Gruppe.

 

Der Jakobsplatz ist das heutige Zentrum und das Museum ein wichtiger Ort gegen das Vergessen. Vor unserer Führung war ich bereits einige Male in der Daueraustllung gewesen, aber durch die Kuratorin Ulrike Heikaus sehen wir das Konzept  “Stimmen_Orte_ Zeiten” mit anderen Augen. Sieben Installationen vermitteln die Grundlagen jüdischer Identitäten. Es geht um das Erfahrbarmachen von Religion und Geschichte, weniger um die geschichtliche Anordnung von Objekten, denn an sich gibt es nicht viele Sammlungsobjekte. Die Gestaltung der Museumsräume ist ausnahmslos gelungen, besonders hervor sticht der Zeitstrahl beginnend mit 1229 bis in die Jetztzeit, die auf dem Fussboden befindliche Münchenkarte anhand derer man Orte jüdischen Lebens anhand von Fotos virtuell (wieder) entstehen lassen und am Ende des Rundgangs der Comic von Jordan B. Gorfinkel. Er erzählt von dem Besuch eines Holocaust-Überlebenden in seiner früheren Heimatstadt München.

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Zeitstrahl im jüdischen Museum | Foto: Monika Schreiner

Im Anschluss klingt der Tweetwalk mit einer geselligen Runde im Cafe Forum aus. Nachverfolgen kann man unsere Eindrücke zusätzlich anhand eines Storify, das das jüdische Museum erstellt hat.

Vielen Dank an die Organisatoren für die Geschichtsreise zur Geschichte der Stadt und ihrer jüdischen Bewohner!


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