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Samstag Rad

[dropcap]L[/dropcap]etzten Samstag hat Christopher Lewis zum ersten Mal zur Veranstaltung “Menschen Geschichten Fahrräder” eingeladen. Er ist der Gründer von Samstag Rad und für ihn ist dieser Wochentag etwas Besonderes. Es ist ein Tag, an dem man spinnen darf und auch ein Tag, an dem sich sein Leben komplett veränderte.

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Christopher Lewis ist der Gründer von Samstag Rad | Foto: Monika Schreiner

Es war so eine Art Aha-Erlebnis, das dem Maler und Medienkünstler von seiner ursprünglichen Tätigkeit in Richtung Fahrrad trieb. Bei einem Wochenendspaziergang im bayerischen Voralpenland fand er ein ramponiertes verdrecktes Fahrrad in einen Acker. Er beschloss das Rad mitzunehmen und ihm ein neues Leben zu schenken. Drei Wochen brauchte er, bis ein komplett neues Fahrrad daraus wurde. Weitere Schrottfahrräder, ungeliebt an Bahnhöfen ausgesetzt und vergessen, fanden den Weg in seine Manufaktur. Sein neues Hobby kam in seinem Freundeskreis so gut an, dass er immer öfter gefragt wurde, ob er denn die Räder nicht verkaufen würde. Daraus wurde 2012 das Upcycling-Projekt Samstag Rad.

Inzwischen kommen auch Leute bewußt in seine Manufaktur im Impact Hub, um Erbstücke von den Eltern oder Großeltern wieder flott zu machen. Eine gewisse Qualität müssen die Räder haben, damit man sie überhaupt umbauen kann. So stammen die meisten Räder aus den Jahren von 1940 bis 1970, einer Zeit, wo viele der Komponenten noch per Hand gefertigt wurden. Christopher Lewis fordert mehr Wertschätzung fürs Fahrrad. Und ich denke, wie recht er doch hat, denn für mich kommen die wahren Schrotträder der heutigen Zeit direkt aus den Fabriken, die sie dann für 200 Euro verkaufen und wo man aufgrund der billigen Bauteile um sein Leben fürchten muss. Denn was spart man sich, wenn der Billiglenker nach ein paar Wochen bricht und man sich im Graben das Genick bricht.

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Treffen der Samstag-Räder | Foto: Monika Schreiner

Ich bin erstaunt, dass so viele Leute dem Aufruf “Menschen Geschichten Fahrräder” gefolgt sind und die Werkstatt füllt sich rasch mit liebevoll gestalteten Fahrrädern aus mehreren Epochen und deren Besitzern. Die Räder erstrahlen in allem Farben. In blau, rot oder grün und ich begeistert. Farben, die für eine neu aufkeimende Fahrradszene stehen, denn als ich vor ein paar Jahren auf der Suche nach einem neuen Fahrrad war, gab es neben weiss und schwarz allerhöchstens noch silber zur Auswahl. Das ist wie bei den Autos, hab ich mir damals gedacht und konnte mich deshalb so lange nicht für ein neues Fahrrad begeistern. Interessanterweise waren es zwei Frauen, die zuerst ihr von Samstag Rad neu gestaltetes Fahrrad in der Runde vorstellten. Das Schöne an den Samstag-Rädern ist, das sie von Christopher Namen bekommen. Seelennamen anstatt Seriennummern. Sie stehen nicht auf den Rahmen, man erahnt sie durch den Look und auch wenn man sie fährt. Beim Überarbeiten der Räder wird der Name der Ursprungsfirma wie zum Beispiel Peugeot nicht eliminiert, er steht oft gleichberechtig neben dem Logo von Samstag-Rad. Beides bürgt für Qualität.

So heisst das erste Rad in der Vorstellungsrunde einer frankophilen Dame “Vive la France” und ist gemäß den Nationalfarben Frankreichs in blau, weiss und rot gehalten. Es ist ursprünglich ein Geschenk ihres Vaters an ihre Mutter gewesen. Bewußt als kleines Kunstwerk geschätzt, finden Ausfahrten mit dem zum Singlespeed umgebauten Rennrad eher selten statt. Also doch eher ein “Sonntagsrad” denke ich mir und muss grinsen.

Eine schöne Geschichte erzählt auch Maren Martschenko. Nachdem sie einen Artikel in der SZ gelesen hat, hat sie beschlossen, ihr Auto abzuschaffen und alles nur noch mit dem Fahrrad zu fahren. Lange war sie auf der Suche nach ihrem Traumrad und landete schliesslich beim Samstag-Rad. Zusammen mit Christopher gestalte sie ihr eigenes Wunschfahrrad. Er hat es geschafft aus einem Peugeot Mixterahmen als Basis ein alltagstaugliches Transportmittel mit viel Liebe zum Detail zu erschaffen. Nichts fand ich an dem Nachmittag treffender als den Satz der stolzen Besitzerin, die täglich rund zwanzig Kilometer radelt, “das Rad fährt mich”.

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Maren Martschenko und ihr Traumrad | Foto: Monika Schreiner

Natürlich baut Christopher Lewis auch weiter an Rädern, die noch keinen speziellen Besitzer haben. Wenn sie fertig sind, werden sie fotografiert und zum Verkauf auf die Webseite gestellt. Zwischen 700 und 3500 Euro kosten die Fahrräder. Und am besten kommt man selbst bei ihm in der Manufaktur vorbei, um sie Probe zu fahren. Denn Christopher glaubt daran, dass sich Fahrer und Fahrrad finden müssen.

Und auch an die andere Wertschätzung, die Dinge erfahren, die man selbst mit der Hand gemacht hat oder mitgestaltet. Das verringert sicherlich das Schicksal wieder nach kürzerster Zeit von ihren Besitzern ausrangiert zu werden. Bevor ichs vergesse: Spenden alter Fahrräder werden gerne angenommen. Einen weiteren Gedanken hat Christopher aufgegriffen, nämlich den des Teambuildings. Seit kurzem bietet er Workshops für Firmen an. Die Teilnehmer gestalten innerhalb ein paar Stunden zusammen ein Fahrrad, welches dann als Firmenrad mitgenommen werden kann. Das Fahrrad (und seine einzelnen Bestandteile) als Symbol für eine Firma, was für eine tolle Idee.

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2 Kommentare

  • Antworten
    Bruno Mayer
    13. Juli 2017 at 08:19

    Sehr wichtig, obwohl mir nicht neu, denn im HUB bin ich öfters !
    Aber ich hoffe, daß ihr zu euren Recherchen ausschließlich Radl und öffentlichen (Gelegenheits-)Verkehr
    benützt, wie ich ja auch für meine kunterbunten Radlführungen.seit 30 Jahren.
    Eigentlich fast logisch, daß die vielseitige Maren Martschenko auch da war.

    • Antworten
      Gerhard Bauer
      13. Juli 2017 at 08:26

      Hallo Bruno, wir hatten jahrelang kein Auto und haben alles per Rad, MVV oder Leihwagen erledigt. Dann haben jedoch eins geerbt, das wir nun nutzen solange es noch Sinn macht. Danach werden wahrscheinlich wieder gut ohne auskommen.

    Wie ist deine Meinung dazu?