#theater 2. Dezember 2011 //

Nebel des Grauens

Ein besonderes Erlebnis bot am Mittwoch in der Muffathalle die Aufführung des Stücks „This is how you will disappear“ von Gisèle Vienne. Die Theatermacherin und Künstlerin versucht mit ihrer Aufführung die klassischen Grenzen des Genres Theater zu sprengen. Es wird weder viel gesprochen noch agiert. Stattdessen überlässt die Regisseurin die Handlung der Phantasie des Betrachters. Auf diese Weise entsteht ein größerer Interpretationsspielraum als im klassischen Theater. Im Zentrum das Spannungsverhältnis zwischen Kunst und Natur. Das Bühnenbild in Form eines unberührten Waldes bildet einen starken Kontrast zu den zwei Hauptakteuren, einer Kunstturmerin und ihrem Trainer. Der Trainer trägt sich mit dem Gedanken die Frau umzubringen und sie wie Shakespeares „Orphelia“ in einen Fluss zu werfen. Der Nebel verschlingt jedoch beide nacheinander und verschleiert das weitere Geschehen. Was folgt ist ein choreographierter Reigen aus Nebel, der so stark ist, dass er sogar die Zuschauer in der letzten Reihe einhüllt. Durch seine Feuchtigkeit bekommt der Zuschauer einen sinnlichen Eindruck des Naturschauspiels.

Interessant auch wie man gesteuert ist durch gewohnte Geräusche aus dem Kino. Die Inszenierung ist untermalt mit Musik, die man vor allem aus Horrorfilmen kennt und gibt den harmlos anmutenden Bilder die entsprechende Dramatik.  Im zweiten Bild wird eine zusätzliche Figur eingeführt, ein Rockstar. Er flieht in den Wald um seiner Berühmtheit zu entgehen. Hier trifft er auf den Trainer und konfrontiert ihn mit dem Geständnis des Mords an seiner Freundin, eben der Tat die jener vorher an der Turnerin begehen wollte. Mit entblössten Oberkörper, fast wie ein Faun, schreitet der Rocker auf den Trainer zu und windet sich im Anschluss unter dessen Prügel bis er bewegungslos daliegt. Wird der Mörder zum Gemordeten, auch das bleibt unklar.

Was folgt ist ein kurzes Tableau mit Puppen, eine Art Ferienzeltlager für Kinder und einer Jagdszene mit echten Vögeln. Entdecken die Kinder gleich eine Leiche? Und lebt der Trainer seine Lust aufs Töten durch das Bogenschiessen aus? Alles vieldeutig wie damals bei der Serie “Twin Peaks” an das mich die Inszenierung erinnert.

Im Zentrum der Mord einer Frau, die Idylle des Waldes mit seinen Tieren, ein gewaltige Klangteppich wie damals die Musik von Angelo Badalamenti und die für Lynch typische offene und langsame Erzählstruktur. Angeregt durch die Vermischung von Film und Theater gehe ich aus der Vorstellung mit dem Vorsatz, mal wieder einen Film des Meisters des Surrealen anzusehen um den es in letzter Zeit ein wenig still geworden ist.

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Das Münchner SPIELART Festival dauert noch bis zum 4. Dezember. Wer noch mehr über politisches Theater erfahren möchte, kann sich in das  Münchner Stadtmuseum begeben. Dort gibt es noch bis zum noch bis 29. Januar 2012 eine Ausstellung zum amerikanischen Bread & Puppet Theaters.

 

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2 Kommentare

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    2. Dezember 2011 at 22:23

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