#art 7. Juli 2017 //

DANCE 2017

Bereits zum fünfzehnten Mal fand im Mai das internationales Festival DANCE 17 statt. Ein wirkliches Erlebnis – nicht nur für Tänzer oder Tanzbegeisterte. Innerhalb von nur zehn Tagen gab es 130 Vorstellungen zu sehen. Viele davon fanden in der Muffathalle statt, einige davon im Gasteig. Der Focus des Festivals liegt generell auf zeitgenössischem Tanz, wobei immer ein anderes Land im Mittelpunkt steht. 2017 war es Kanada. Kenner wissen, daß es in Quebec eine besonders vielfältige und experimentierfreudige Tanzszene gibt. Neben Flandern und Israel zählt diese kanadische Provinz zu den wichtigen Tanzzentren der Welt. Neben den internationalen Tanzaufführungen und Performances waren natürlich auch deutsche Produktionen am Start.

Uraufführurng von BOD (UA) voniRichard Siegals Ballet of Difference | Foto: Ray Demski

„Chaleur Humaine”  und “Tête-à-tête” von Stéphane Gladyszewski

Was mir an dem Festival besonders gefallen hat: Es wagt über die Grenzen der eigenen Kunstgattung  zu schauen. Kunst und Perfomance werden genauso integriert, wie politisches Zeitgeschehen und Technologie. Ein sehr gutes Beispiel hierfür ist Stéphane Gladyszewski mit seiner Performance „Chaleur Humaine”, mit der er das Tanzfestival eröffnete. Der Künstler – eigentlich ausgebildeter Fotograf –  verwendet bei dieser Arbeit ein spezielles Verfahren, das sogenannte Thermo-Video-Projektionssystem. Es erfasst die Wärmegrade und Hitzezonen des menschlichen Körpers in Bewegung. Dadurch wird die Wärme der menschlichen Bewegung für die Zuschauer sichtbar. Dafür ist es nötig, die traditonellen Guckkastensituation von Betrachter im Dunkeln und Bühnenakteur im Hellen umzukehren. Erprobt hat der Künstler seine Technik im Gentleman’s Club in Montreal. Die Farben und Formen, die auf den Körper der Protagonisten während der Vorstellung entstehen, faszinieren. Ihre Nackheit wird überdeckt von Projektionen. Gerade einmal zehn Minuten dauert die Verbindung aus Körper, Kunst und Technologie. Ein wahrhafter Kulturquickie.

 

Stéphane Gladyszewski war noch mit einer zweiten Arbeit vertreten. Tête-à-tête heisst die holografische Illustion, die ebenfalls nur an die zehn Minuten dauert. Das Besondere und sehr intime daran ist, dass der Zuschauer sich allein in einem Raum mit dem Künstler befindet und es fordert auch Mut sich auf diese Situation einzulassen. Ich wage das Experiment. Zuerst werde ich in einen komplett dunkelnen Raum geführt und nehme an einem Guckkasten Platz. Nachdem ich den Sitz angepasst habe schaue ich durch zwei Öffnungen auf den Raum dahinter. Eindrücke überlagern sich. Was ist wahr und was ist scheinbar Täuschung? Obwohl ich Stéphane Gladyszewski durch eine Barriere betrachte, ist er mir sehr nah. Diese Schutzhülle bricht im Laufe der Vorstellung weg. Die Grenze zwischen Zuschauer und Performer verschwindet. Plötzlich findet eine Interaktion statt. Man betrachtet jetzt nicht mehr nur, sondern wird auch betrachtet und das so intensiv, das es einem fast unangenehm ist.  Eine Retourkutsche des eigenen Voyeurismus.

DANCE 2017 Munich München Tanzfestival - ISARBLOG

Visuelle Vielschichtigkeit bei Tete-a-tete| Foto: Stephane Gladyszewski

“My Generation” von Richard Siegal

Besonders begehrt waren die Karten für den dreiteiligen Tanzabend “My Generation” von Richard Siegal. Der US-amerikanische Tänzer und Choregraph arbeitet unter anderem am Gärtnerplatztheater und für das Bayerische Staatsschauspiel und wurde bereits mehrfach ausgezeichnet. Mit “Ballet of Difference” hat er seine eigene Kompanie gegründet und mit ihr drei Choregraphien ausgearbeitet, die Integration und Diversität thematisieren. Zwei davon wurden auf der Dance uraufgeführt wurden: BoD (was für “Ballet of Difference” steht) und “Experts of a Future Work on the Subjects of Chelsea Manning – der Whistleblower”. Letztere erzählt die Geschichte des Whistleblowers Bradley Manning, der sich im Gefängnis einer Geschlechtumwandlung unterzog und seitdem Chelsea heisst. Diese doppelte Identität wird auf der Bühne jeweils durch einen männlichen und einem weiblichen Tänzer verkörpert. Die Aufführungen fielen in den Zeitraum, in dem die real existierende Person Chelsea Manning aus der Haft entlassen wurde (17.5.2017). Alle drei Choregraphien finden auf einer sehr reduzierten Bühne statt, was den Fokus noch mehr auf die Tänzer lenkt. Wie der Name schon sagt, zeichnen sich die Tänzer durch ihre Unterschiedlichkeit aus. Verschieden in Herkunft und Hautfarbe und doch durch den Tanz zusammen. Charateristisch für die Arbeit von Richard Siegal ist es, dass er den klassichen Spitzentanz in seinen Inszenierungen mit Modern Dance Elementen mischt.

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Ballett My Generation von Richard Siegal | ShokoPhoto

Die dadruch entstehenden Brechungen machen den Reiz aus. Getanzt wird bei BoD zu elektronischer Musik wie die des deutschen Musikers Atom™  und seiner Interpretation von  “My Generation” von The Who. Auch die Kostüme beeinflussen die Bewegungen der Tänzer. Zum Beispiel gaben die Tutus aus Rettungswesten/Luftmatratzen bei BoD den Tänzern eine Anmutung von Vögeln (Kostüm: Chromat / Becca McCharen), bei der dritten Inszenierung “Pop HD” waren es Fahrradtrikots (Kostüm:  Bernhard Willhelm), die verkehrt herum angezogen waren. Sie beflügelten nicht nur die Tänzer, sondern auch die Fantasie der Zuschauer. “Pop HD” hat Richard Siegal bereits 2015 entwickelt. Das Stück wird zu dem Titel POP HD und auch zu der Musik von Atom™ getanzt. Fühlt man sich bei Pop HD eher durch Musik und Kostüm an die Tour de France erinnert, versetzt einen die Musik von Musik DJ Haram bei BoD in den Urwald. Hier funktioniert das Konzept von Richard Siegal besonders gut. Die Brechungen zwischen animlischen Bewegungen und dem geordnetem Zurschaustellen. Die Vorstellungen waren rasch ausverkauft, so dass noch zwei Zusatzvorstellungen ins Programm aufgenommen wurden.

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Von mit nach No 2 – Neuer Tanz/ VA Woelfl- | Foto: Thomas-Schneider

Beeindruckend war auch die Tanzperformnace von VA Woelfl, den ich bisher nur als Videokünstler kannte. Seine freie Tanzgruppe, die er zusammen mit Wanda Golonka in der 1980er Jahren gründete, heisst Neuer Tanz. Zur Auffühurung kam „von mit nach t: No2“ und es war ein besonderer Abend. Kurz davor habe ich einen Vortrag von Chris Dercon gehört. Der designierte Leiter der Berliner Schaubühne hat an der Kunstakademie eigentlich über Museen gesprochen, aber ich finde seine Theorie über die “Inbetweeness” – das Ausloten von Grenzen –  kann auch auf dieses Stück angewandt werden. Denn man weiss nicht, ob man von hier von Tanz sprechen kann, von Performance ja. Gezeigt wird thematisch das Attentat auf Robert Kennedy im Jahre 1968. Ein aktuelles Thema in Anbetracht der vielen Terroranschläge der letzten Zeit. Die Akteure tragen Waffen, Mikrophone brennen und Krach dröhnt aus den Lautsprechern. Trotz der Bedrohung schafft die Langsamkeit ironische Momente. Die Experimente mit Bühne, Raum, Zeit, Licht, Körper, Ton und Bewegung ist auch vergleichbar mit den Experimenten, die Oskar Schlemmer Anfang der 20er Jahre mit dem triadischen Ballett geschaffen hat.

Installationen, Performances und Workshops bei der DANCE 2017

Einen visuellen, sich immer verändernden Fixpunkt stellte die Installation Boxtape des kanadischen Künstler, Tänzer und Choreograf Peter Trosztmer vor dem Gasteig (Celibidache-Forum) dar. Zusammen mit Jeremy Gordaneer und Thea Patterson entwickelte er das Konzept eines Spinnennetzes aus Klebeband, bei dem die Zuschauer selbst aktiv werden konnten, als Klebende und als Erkundende. Eine Schaukel wurde mit eingearbeitet und ein paar Aussichtsplattformen aus Holz. Gerade für Kinder eine echte Attraktion.

Zufällige Begegnungen schufen die Tänzer um Mia Lawrence vor und im Gasteig. Zusammen mit jungen Tänzer, die an Workshops von Mia Lawrence teilgenommen haben, schuffen sie überraschende Momente für die Besucher. Die Grenzen zwischen Tanz und gelebter Realität wurden vermischt. Darüber hinaus gab es ein Symposium und eine Ausstellung zur Münchner Tanzszene von Brgida Ocheim. Der Tänzerin lag das Sammeln und Archivieren der Münchner Tanzszene schon immer am Herzen. Als sie 1980 in New York war, entdeckte sie einen Tanzführer und war begeistert. Zwei Jahre später folgte “Tanz in München” – ein Wegweiser und Überblick über Ausbildungsmöglichkeiten in München – mit der Schreibmaschine getippt, im Selbstverlag herausgegeben. In einer Ausstellung präsentierte sie nun ausgewählte Flyer, Plakate etc.

Für mich war DANCE 2017 ein wirkliches Erlebnis und ich habe mir vorgenommen, wieder selbst mehr zu tanzen, aber auch wieder mehr Tanztheatervorstellungen zu besuchen.

Das Dance Festival findet alle zwei Jahre statt. Der nächste Termin wird im Frühjahr 2019 sein. Auch hier wird wieder Nina Hümpel die künstlerische Leitung übernehmen.

ISARBLOG Tipp: Minutemade im Gärtnerplatztheater
Das Format “Minutemade”, das vom Ballettdirektor Karl Alfred Schreiner 2013 erfunden hat und auch auf der DANCE gezeigt wurde, kann man auch weiterhin im Theater am Gärtnerplatz besuchen. “Minutemade” heißt es deshalb, weil Gastchoreographen mit bis zu 20 TänzerInnen in nur fünf Tagen ein komplettes Stück inszenieren. Die besondere Herausforderung dabei ist, daß jeder muss dort beginnen muß, wo das jeweils vorangegangene Stück des Kollegen geendet hat. https://www.gaertnerplatztheater.de

DANCE 2019

Die 16. Ausgabe von DANCE wird im Mai 2019 stattfinden und Nina Hümpel wird wieder die künstlerische Leitung übernehmen.

 

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